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Ringvorlesung: Niemals genug? Leben in der Optimierungsgesellschaft

Das Bemühen um Optimierung gehört zu den grundlegenden Prinzipien gegenwärtiger westlicher Gesellschaften. Der strukturelle Zwang, die ökonomischen und administrativen Abläufe beständig zu perfektionieren und in ihrer Effizienz zu steigern, bleibt jedoch nicht ohne Konsequenzen für die individuelle Lebensführung. Um mit den beschleunigten gesellschaftlichen Prozessen mithalten zu können, bemühen sich Menschen um permanente Selbstoptimierung.

Selbstoptimierung meint dabei weniger eine radikale Verwandlung zu einem Neuen oder einem perfekten Menschen, sondern eher einen kontinuierlichen Veränderungsprozess in verschiedenen Bereichen des Lebens. Neben traditionellen Weisen der Selbstformung setzen sich technische Enhancements zunehmend durch.
In der trans- und posthumanistischen Zeit tritt Optimierung beispielsweise in Form der "Cyborgisierung" des menschlichen Organismus und durch die Abschaffung des "Antiquierten Menschen" auf.
Die Optimierung des Selbst gestaltet sich für die meisten Menschen eher Schritt für Schritt und zeichnet sich einerseits durch technische, chirurgische oder genetische Optimierung aus, aber ebenso durch kleine Modifikationen der alltäglichen Lebensführung mit dem Ziel: ein glücklicheres, fitteres oder gesünderes Leben.

Wir laden Sie dazu ein, das Thema Optimierung in interdisziplinären Vorträgen zu betrachten, kritisch zu hinterfragen und Anregungen für das Handeln im Alltag mitzunehmen. Studierende aller Fakultäten sowie interessierte Gäste sind herzlich willkommen!

Wissenschaftliche Leitung der Ringvorlesung:
Prof. Dr. Michael Schemmann
Wissenschaftliche Leitung des ProfessionalCenters der Universität zu Köln

 

Informationen zur Anmeldung

 

Veranstaltungsübersicht

Die Vorträge finden jeden Dienstag von 17.45 – 19.15 Uhr im Hörsaal II der Universität zu Köln (Albertus Magnus Platz) statt.

 

14.04.2020
Schneller, höher, stärker – Ist das der richtige Weg im Sport? | Hajo Seppelt, Journalist & Autor
Hajo Seppelt
Foto: private/hjs

"Das Motto citius altuis fortius (schneller, höher, stärker) wird von Olympia-Promotern häufig und gern zitiert. Aber ist es für einen Kommerz getriebenen Spitzensport ein verantwortungsvolles und vorbildhaftes Motto? Die uferlose Eventisierung von Spitzensport verbunden mit einem immer stärkeren Profitstreben führt Athleten und deren Umfeld in extreme Belastungssituationen. Sie lassen auch die Versuchung des Nachhelfens mit unerlaubten Substanzen zum Zwecke der Leistungssteigerung größer werden. Um welchen Preis das geschieht und welche Auswirkungen es auf den Sport als gesellschaftliches Kulturgut hat, beleuchtet der Vortrag von Hajo Seppelt."


21.04.2020
Selbstoptimierung und Digitalisierung - Diskurse der Elite? | Suzana Jovicic, Universität Wien

Der digitalisierte Mensch scheint sich nahtlos in das Narrativ des neoliberalen, selbst-optimierenden Subjekts einzufügen. Digitalen Werkzeugen werden dabei transformative und beinahe magische Kräfte zugewiesen. Insbesondere Jugendliche werden als Sinnbild des neuen dystopisch-empathielosen Menschen und einer narzisstischen, optimierten „Selfie Generation“ dargestellt. Doch, worauf basiert dieses beinahe perfekte, lineare Narrativ? Der Vortrag befasst sich mit diesen Fragen, auf der Grundlage einer ethnographischen Forschung mit marginalisierten Jugendlichen in Wiener Jugendzentren. Dabei wird der Diskurs der Selbstoptimierung in einer digitalen Welt, in der Optimierung nicht nur ein Fluch, sondern auch ein Privileg sein kann, kritisch hinterfragt. Ist die Geschichte der Selbstoptimierung und Digitalisierung die Gleiche für alle?


28.04.2020
Der Transhumanismus: Seine Herkunft, gegenwärtige Bedeutung und Visionen |Dip.- Pol. Christopher Coenen, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)

Die visionäre Weltanschauung des Transhumanismus erwartet eine fortschreitende Technisierung des Menschen und letztlich dessen Überwindung. Zentrale Zukunftsvisionen dieser Ideologie wurden bereits in den Jahrzehnten von 1870 bis 1930 entwickelt und haben danach, u.a. durch die Sciencefiction, maßgeblich unsere Kultur und deren Zukunftsvorstellungen geprägt. Als Weltanschauung immer noch nicht allgemein bekannt, ist der Transhumanismus mittlerweile nicht nur eine kleine organisierte Bewegung sowie eine beachtliche geistige Strömung in Teilen der Wissenschaft und Kunst, sondern auch eine Art von Ersatzreligion einflussreicher Vertreter der Computer- und Internetindustrie und anderer Mitglieder heutiger Eliten. Der extreme Fortschrittsbegriff des Transhumanismus, der in unserer Zeit zumeist ohne sozialutopische Ziele auskommt, kann als das Erhabene einer Leistungssteigerungsgesellschaft des rasenden Stillstands begriffen werden. 


05.05.2020
Selbst-Optimierung, Leistung, Authentizität. Normative Dynamiken der Gesellschaft der Menschenverbesserung |Prof. Dr. Katharina Liebsch, HSU Hamburg

Selbst-Optimierung ist mittlerweile zum gesellschaftliches Leitbild avanciert, das auch als Orientierungsmuster der Regulierung des Handelns und der individuellen Lebensgestaltung wirksam ist. Mittels diverser tools - von Lebenshilfeliteratur über Internetforen, Beratungsangebote, Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung, Willens- und Motivationstrainings bis hin informations- und biotechnologischen Formen der Steuerung - können Menschen heute ihre physischen, psychischen, sozialen und geistigen Zustände, Eigenschaften, Handlungsabläufe, Arbeitsprozesse und Kompetenzen mitgestalten.

Der Vortrag nimmt die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Phänomens in den Blick und geht gängigen Erklärungsweisen nach. Dominante Thesen, z.B die  Diagnose, dass Selbst-Optimierung als Ausdruck von "Entfremdung" und als Unterwerfung unter die Anforderungen der Leistungsgesellschaft zu verstehen sei, werden in Auseinandersetzung mit Befunden empirischer Untersuchungen diskutiert.
Dabei wird sichtbar, wie und wo genau die normativen und ethischen Bewertungsmaßstäben in Bewegung geraten sind.


12.05.2020
Digitale Selbstvermessung als Selbstoptimierung | Oswald Balandis, Ruhr Universität Bochum

Bei Selbstoptimierung handelt es sich um Praktiken der stetigen Verbesserung des Körpers, der Psyche oder des Selbst. Viele Personen nutzen hierfür digitale Technologien wie Fitnesstracker, Smartwatches, oder Apps, um körperliche Parameter, oder emotionale Zustände zu vermessen und die Daten für Zwecke der Optimierung zu verwenden. Doch wie kann erklärt werden, dass digitale Selbstvermessungstechnologien gegenwärtig so große Popularität genießen? Verändert die Nutzung solcher Technologien die Art und Weise, wie wir uns selbst verstehen? Handelt es sich bei Selbstvermessung eher um eine technische Spielerei? Oder werden wir als NutzerInnen von den Geräten angehalten, kontinuierlich nach Verbesserungspotenzialen zu suchen? Im Vortrag werden diese Fragen werden aus sozialwissenschaftlicher, sozial- und kulturpsychologischer Perspektive behandelt. 


19.05.2020
Mehr als genug! Zur Ethik biotechnischer Verbesserungen des Menschen | PD Dr. Jan-Christoph Heilinger, LMU München

Neue bio- und medizintechnologische Interventionsmöglichkeiten lassen sich nicht nur im therapeutischen Kontext einsetzen, etwa um Krankheiten zu heilen. Oftmals können die verfügbaren Mittel auch zur “Verbesserung” oder zur Leistungssteigerung gesunder Menschen eingesetzt werden. Menschen könnten dann mithilfe von Biotechnologien vielleicht intelligenter oder kreativer werden, glücklicher oder besser gelaunt sein, konzentrierter handeln, länger leben oder auch sich moralischer verhalten. Solche auf die Verbesserung gesunder Menschen abzielende Interventionen werden als “Human Enhancements” bezeichnet.

Der Vortrag im Rahmen der Kölner Ringvorlesung setzt sich mit der ethischen Bewertung solcher Enhancement-Interventionen auseinander, unterscheidet zwischen verschiedenen ethischen Beurteilungsperspektiven und analysiert das Streben einiger nach 'mehr als genug' auch vor dem Hintergrund, dass viele andere 'nicht einmal genug' haben. Eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik ist dringend geboten, da der bio- und medizintechnologische Fortschritt neue Handlungsmöglichkeiten hervorbringt, die eine ethisch reflektierte Entscheidung über ihre Anwendung – oder ihre Nicht-Anwendung – zwingend erforderlich machen.


26.05.2020
Zur Möglichkeit von Bildung im Kontext der digitalisierungsgetriebenen Quantifizierung des Selbst | Jun.-Prof. Dr. Patrick Bettinger, Universität zu Köln

Folgt man der weit verbreiteten Zeitdiagnose einer auf vielen Ebenen durch Digitalität geprägten Gegenwart, so besteht ein Aspekt dieser Entwicklung in neuen Formen der Quantifizierung unterschiedlicher Bereiche unserer Lebenswelt. Die 'Quantifizierung des Selbst‘ ist längst nicht mehr nur ein Randphänomen einer technologieaffinen Avantgarde, sondern tief in sozio-mediale Transformationsprozesse eingeschrieben und Bestandteil unseres alltäglichen Medienhandelns. Die damit einhergehenden Wertzuweisungen und Optimierungslogiken basieren auf – meist implizit bleibenden – Normen und Werten, die sich als Algorithmen machtvoll in Sozialität einschreiben und unsere Selbst- und Welterfahrung präformieren. Hierbei stellt sich aus erziehungswissenschaftlicher Sicht unter anderem die Frage nach den Möglichkeiten, den Grenzen oder gar der Verhinderung von Bildung. Der Vortrag nähert sich diesem Themenkomplex an, indem aktuelle (medien-) pädagogische Diskurse zu Bildung und Digitalität beleuchtet werden.


09.06.2020
Schönheitshandeln als Selbstoptimierung? | Dr. Johannes Krause, Heinrich- Heine Universität Düsseldorf

Die Handlungs- und Optionsvielfalt ist eines der charakteristischen Merkmale von westlichen Gegenwartsgesellschaften. Diese Freiheit in der Handlungswahl hat allerdings auch eine Kehrseite: Das Individuum wird unter einen Handlungs- und Optimierungsdruck gesetzt. Es besteht nicht nur die Möglichkeit sein Leben frei und nach eigenen Präferenzen zu gestalten, es besteht die Verpflichtung. Der nach eigenen Vorstellungen geformte Körper als Ausdruck der Persönlichkeit und Individualität der gleichzeitig den geltenden Körperbildern entsprechen soll und sich in gleichen Teilen von diesen Idealbildern abgrenzt. 

Die Internalisierung der körperlichen Ansprüche der Gesellschaft an den Einzelnen, sorgt für eine Umdeutung der Fremd- in Selbstzwänge. Ableitbar ist, dass die Sozialisation eines Individuums dessen spezifische Körpervorstellungen formt. Die Bearbeitung des Körpers ist somit ein Sonderfall in der individualisierten Multioptionsgesellschaft; der Einzelne begreift diese als frei gewählt und keinen äußeren Einflüssen unterliegend. Die Körperarbeit muss in den Alltag integriert werden, ohne dessen Routinen zu stören. Handelt es sich um eine freie Bearbeitung unseres Körpers? Frei nach unseren Vorstellungen? Oder gibt es andere Faktoren, die einen Einfluss darauf ausüben? Und wenn ja, welche? 


16.06.2020
Macht Hirndoping glücklich? | Dr. Roland Kipke, Universität Bielefeld

Gesunde Menschen versuchen, ihre mentalen Eigenschaften durch Medikamente zu optimieren. Das ist das so genannte Neuro-Enhancement oder Hirndoping. Ist das nur ein effizienterer Weg für das alte menschliche Streben nach Selbstverbesserung? Oder etwas ganz anderes? Und trägt es zu einem guten Leben bei? Roland Kipke erklärt in seinem Vortrag, was mit Hirndoping möglich ist und wie es sich von traditionellen Methoden der Übung und des Trainings unterscheidet. Und er zeigt, wie wir diese unterschiedlichen Arten der Selbstverbesserung ethisch beurteilen können. 


23.06.2020
Kritik des Sports | Tobias Arenz, Deutsche Sporthochschule Köln

Das Hinaustreiben über bestehende Grenzen körperlicher Leistungsfähigkeit scheint eine fraglose Gewissheit zu sein, die im Zentrum der Selbst- und Fremdbeobachtung des modernen Sports steht. Armand Duplantis ist als „Mann, der in den Himmel fliegt“ (ZEIT Online) das neueste Heldensubjekt, dem es in besonders anschaulicher Weise gelungen ist, das olympische Motto citius, altius, fortius zur Aufführung zu bringen. Für derartige Optimierungen menschlicher Körper, Bewegungsformen, Übungen etc. spielt die Entwicklung neuer Technologien eine entscheidende Rolle. Folgt man einer Einsicht von Michel Foucault, ist die Steigerung (körper-)technologischer Fähigkeiten jedoch untrennbar mit der Stärkung von Machtbeziehungen verbunden. Diese These soll im Kontext neuer Optimierungstechnologien (u.a. Gendoping) des Sports vorgestellt werden, um die Frage nach der Notwendigkeit eines „anderen Sports“ vorzubereiten.   


30.06.2020
Was ist neu an Selbstoptimierung? Eine historisch-soziologische Perspektive | Dr. Anja Röcke, Humboldt-Universität zu Berlin

"Selbstoptimierung" ist ein vergleichsweise neuer Begriff – aber sind es auch Idee und Praxis der Selbstoptimierung? Ziel des Vortrages ist es, eine historisch fundierte Gegenwartsdiagnose zu erstellen. Drei Thesen leiten dabei die Überlegungen an: 1. Selbstoptimierung ist ein spezifisch modernes Phänomen. 2. Selbstoptimierung ist ein konstitutiv ambivalentes Phänomen. 3. Zwar hat es Prototypen optimierender Praktiken schon zu weitaus früheren Zeitpunkten gegeben, in der Gegenwart erhält Selbstoptimierung aber eine neuartige individuelle, organisationale wie auch gesellschaftliche Bedeutung und Reichweite, was mit neuartigen Gefahren und Herausforderungen für die Menschen einhergeht.


07.07.2020
Science Reality, Cyborgs in der Gesellschaft und die Gesellschaft als Cyborg | Elle Nerdinger, Vorsitzende des Cyborgs e.V.

Wir leben nicht im Science-Fiction Zeitalter, sondern in der Science-Reality. Viele Menschen sind bereits Cyborgs im Netz unserer sozialen Strukturen: Technologie im Körper hilft unserer Gesundheit, ist im Lifestyle omnipräsent und dringt auch dort in neugierige Körper vor. Auch die sozialen Aspekte der Technologie im und am Körper bei der Arbeit rücken in den Vordergrund und werfen brisante Fragen um Menschenwürde und Menschenrechte auf.


14.07.2020
Prüfungsleistung 60-minütige Multiple Choice Klausur

Die Anmeldung zur Klausur erfolgt über Klips 

 

Organisation & Kontakt


Maren Mardink

Ringvorlesung & Career Week

Kontakt
Telefon: +49 221 470-8891
E-Mail: maren.mardinkSpamProtectionuni-koeln.de


Laura Jaiteh

Studentische Mitarbeiterin

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E-Mail: ringvorlesung-professionalcenterSpamProtectionuni-koeln.de